Von Ratlosigkeit bis zu empörter Fassungslosigkeit reichte die Stimmung auf der aktuellen Fraktionssitzung der Wählergemeinschaft Pro Coesfeld, als das Thema „Bahnhof“ aufgerufen wurde. Ausnahmslos alle Anwesenden, darunter auch Vertreter des Vorstands und sachkundige Bürger, äußerten sich entsetzt über das fantasielose Konzept ohne architektonischen Ehrgeiz – liegende Rechtecke, also schlicht aneinandergereihte „Bauklötze“ ohne gestalterische Aussage und ohne Bezug zur Stadt oder auch nur zum Bahnhofsvorplatz. Bauten dieser Art, so das Urteil der Fraktion, finde man als Dutzendware überall; dies sei typisch für eine nicht historisch oder regional verankerte Bauweise, die Städte gesichtslos mache.

Für die Identität einer Stadt sei die Erhaltung historischer Bausubstanz von großer Bedeutung; allzu viel davon gebe es in Coesfeld ohnehin nicht mehr. Beim Investorenwettbewerb am Bahnhof habe man deshalb die Aufgabe gestellt, den charaktistischen Mittelteil des Bahnhofs zu erhalten – was im Siegerentwurf auch auf überzeugende Weise gelungen sei. In der aktuellen Planung aber sei das für Coesfeld und die Coesfelder so wichtige „Gesicht“ des Bahnhofs plötzlich verschwunden. Dass der bauliche Zustand nicht mehr gut sei, räumt die Fraktion ein; immerhin hätten Bahnentwicklungsgesellschaft und Stadtverwaltung bei diesem Thema viel Zeit verstreichen lassen. Dennoch sei ein Abriss nicht nur ein fragwürdiger Umgang mit einem aus Steuergeldern finanzierten Gebäude, sondern ein Stich ins Herz vieler Coesfelder, die erneut den Verlust eines identitätsstiftenden Gebäudes zu beklagen hätten.

Als Pro Coesfeld zu den Etatberatungen für das Jahr 2018 einen Antrag stellte, 1 Mio. Euro für den Bahnhof bereitzustellen, um eine Finanzierungslücke bei der Realisierung des Siegerentwurfs zu schließen, wurde dies mit der Begründung abgelehnt, auf diese Weise entstehe eine Wettbewerbsverzerrung. Nun aber wird der Wettbewerb aus Sicht der Wählergemeinschaft erst recht verzerrt, denn dem neuen Investor wird mit dem Komplettabriss des Bahnhofs eine Möglichkeit eingeräumt, die dem ersten Investor verwehrt war. Anstelle gesichtsloser Quader hatte die ursprüngliche Planung den städtebaulich reizvollen Mittelteil des Bahnhofs auf sehr ansprechende Weise bewahrt. Pro Coesfeld hält deshalb einen städtischen Zuschuss nach wie vor für angezeigt, um nicht noch mehr baukulturelles Erbe zu zerstören. Der sicherlich nicht ganz einfache Erhalt des mittleren Gebäudeteils ist nach Ansicht der Wählergemeinschaft an dieser Stelle zwingend geboten.

Die fachkundigen Experten von Pro Coesfeld könnten sich vorstellen, Elemente der ersten und der aktuellen Planung zu kombinieren. Vielleicht könne man, so die Diskussion, an dieser Stelle auch wieder ein Hotel verorten, denn zweifelsohne seien Hotelplätze in Coesfeld Mangelware. Sollten diese Lösungen nicht kostenneutral möglich sein, müsse nach Ansicht von Pro Coesfeld die erwähnte Investition im ureigensten Interesse der Stadt liegen, damit die Geschichte und das Gesicht des Bahnhofs den Bürgern erhalten blieben. Jedenfalls ist es nach Überzeugung der Wählergemeinschaft besser, den Mittelteil trotz der schlechten Bausubstanz zu retten und nur die beiden Seitenteile abzureißen; dann behielte der Bahnhofsvorplatz zumindest einen städtebaulich reizvollen Charakter und eine großartige Aufenthaltsqualität.